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03.02.2010 05:59 Alter: 214 Tage

St. Moritz

Von: Frank Henschker

Der White Turf wird grün

Wann wird Umweltschutz im deutschen Rennsport ein Thema?

Beim bevorstehenden Rennmeeting auf dem zugefrorenen St. Moritzersee zeichnet sich ein echter Paradigmenwechsel ab. Alles, was bisher galt, ist nun out. Nanu, fragt sich da der verblüffte Turfist, hat man im Engadin etwa Helmut Kappes und Cindy aus Marzahn als neues Moderatoren-Duo verpflichtet? Nein, der Kulturschock ist noch weit größer: Der örtliche Impresario Rudolf Fopp ist in seinem letzten Amtsjahr nämlich zum Umwelt-Aktivisten mutiert, und der White Turf wird jetzt "grün". So ganz freiwillig war der Sinneswandel zwar nicht, aber das ist egal, denn letztlich zählt nur das positive Resultat. Und das sieht so aus: Die Autos der Besucher dürfen nicht mehr auf dem See parken; beim Heizölverbrauch erreichte man Energieeinsparungen von 30 %; dazu wurden das Catering und die Abfallbewirtschaftung umweltbewusster ausgerichtet; und vom Eintrittspreis wird ein "Klima-Franken" in einen Umweltfonds geleitet, der einem regionalen Engadiner Umweltschutzprojekt zugute kommen soll.    

 

Der Druck auf Fopp war entstanden, weil sich im letzten Jahr ein zweiter Rennverein gegründet hatte, der die Lizenz für das Turfmeeting wollte und sich eine Ökologisierung der Veranstaltung auf die Fahnen schrieb. Um die Lizenz auch weiterhin zu erhalten, musste Fopp also beim Umweltschutz nachziehen. Daneben gab es auch ein handfestes wirtschaftliches Argument für den Sinneswandel, denn die Heizkosten für die Zelte waren dem White Turf im vergangenen Jahrzehnt völlig aus dem Ruder gelaufen. In den letzten sieben Jahren hatten sich die Kosten für den Energiebezug mehr als vervierfacht. Wenn Umweltschutz sich nun auch finanziell positiv auswirkt, ist das besonders erfreulich. Die Schweiz bringt jetzt also als erstes Land den Umweltschutz im Pferderennsport ins Gespräch.

 

Man kann nur hoffen, dass Deutschland das als Anregung zum Handeln versteht. Bislang war ein guter Turf-Deutscher (zumindest im Weltbild der Rennzeitung) derjenige, der ein Haus baut, einen Sohn zeugt und ein Wettkonto bei RaceBets eröffnet. Umweltgerechtes Verhalten ist dagegen bisher kein Thema im deutschen Turf. Und so klang es auch eher bewundernd, als Pferdebesitzer Larry Hoffmeister davon berichtete, dass sein Kollege Guido Schmitt jede Woche nach Mallorca fliege. Mittlerweile müsste es sich doch auch im deutschen Turf herumgesprochen haben, dass ein Langstreckenflug soviel Kohlendioxid produziert wie ein ganzes Jahr Autofahren. In unserem Galoppsport heißt es jedoch: "Klimawandel? Betrifft uns nicht. Wenn der Klimawandel greift, ziehen wir uns nach Baden-Baden zurück. Dort kommt er hundert Jahre später." Irgendwann werden sich die deutschen Galopper Gleichgültigkeit in Umweltfragen nicht mehr leisten können, weil die Rennsponsoren dann nicht länger in einen umweltschädlichen Sport investieren werden. Selbst der führende Rennstallbesitzer der Welt, Dubais Herrscher Al Maktoum, scheint mittlerweile die Zeichen der Zeit begriffen zu haben. Früher baute er eine Skihalle in der Wüste, jetzt schrieb BILD über ihn: "Der Pleite-Protz-Scheich setzt plötzlich voll auf Öko!" Wahrscheinlich unter dem Einfluss des wesentlich erfolgreicheren Nachbarn Abu Dhabi. Die Scheichs dort bauen nämlich schon seit zwei Jahren an ihrer klimaneutralen Öko-Stadt Masdar City.

 

Neue Weichenstellungen können im Rennsport schon allein deshalb nicht als Schnellschuss erfolgen, weil die Vollblutzucht eine langfristig angelegte Sache ist. Die Vollblutzüchter wollen beizeiten wissen: Züchten wir Pferde für die Grasbahn oder für Sand? Züchten wir Steher mit Speed für Bahnen mit langer Einlaufgerade oder Frontrenner für Meilenrennen auf Kursen wie Neuss? Schon jetzt ist klar, dass das Italienische und das Spanische Derby in einigen Jahrzehnten nicht mehr auf Gras ausgetragen werden können, weil in Südeuropa dann durch die zunehmende Versteppung des Mittelmeerraumes auf Sand gelaufen werden muss. Die Bewässerung eines einzigen Golfplatzes erfordert dort schon heute soviel Wasser wie für die Bevölkerung einer ganzen Kleinstadt, und auch für das stets sattgrüne Grasgeläuf der Madrider Rennbahn ist der Wasserverbrauch unverantwortlich hoch. In Deutschland wird nach den gegenwärtigen Klimamodellen beim Temperaturanstieg zwar ein deutliches Nord-Süd-Gefälle von Flensburg bis Füssen entstehen, dennoch werden Grasbahnrennen weiter möglich bleiben. Allerdings sind Änderungen beim Layout der Rennbahnen angezeigt, weil sich der Trainingsbetrieb oft nur ganz schlecht mit einer multifunktionalen Nutzung der Renngelände verträgt. Und ohne multifunktionale Nutzung verliert der Turf seine Existenzberechtigung. Riesiger Landschaftsverbrauch durch eine Fläche, auf der jährlich nur wenige Renntage abgehalten werden, ist weder betriebswirtschaftlich noch ökologisch zu rechtfertigen. Im Magna Racino endete der zarte Ansatz zu einer multifunktionalen Nutzung zwar mit einem Fiasko, aber ist damit das Konzept als solches gescheitert oder lag es nicht eher an der Art der Umsetzung? Dresden mit seiner Solaranlage ist ein hoffentlich erfolgreicherer Weg. 

 

Was die Trennung von Rennen und Training angeht, liefert der französische Rennsport ein aktuelles Beispiel. Das Stallgelände der Lyoner Rennbahn Parilly wurde vor einiger Zeit verkauft und eine neue moderne Trainingszentrale weit draußen auf dem preisgünstigeren Land installiert. Der deutsche Turf braucht nach einer Neuausrichtung nur noch vier große Trainingszentren: für den Osten eines in Hoppegarten, für den Norden eines in der Lüneburger Heide bzw. Mahndorf, für den Westen eines im Rheinland (eventuell nach einem Zukauf von Land der bisherige Traberpark Den Heyberg an der niederländischen Grenze), und für den Süden eines in Schwäbisch-Sibirien. Von dort aus können die Startpferde nach Pariser Vorbild kostengünstig in Sammeltransportern zu den Renntagen gebracht werden. Das Umweltthema ist dabei nur eines von mehreren, über die der deutsche Turf nachdenken muss. In Köln bräuchte man dringend eine Zukunftskommission, die sich als Think Tank im stillen Kämmerlein über den Rennsport der Zukunft Gedanken macht. Die Altkader können das nicht; Zukunftsplanung ist etwas für unverbrauchte Typen ohne Filzpantoffel, wie zum Beispiel Stephan Buchner von den Söhnen Mannheim-Seckenheims. Das Thema Internet ist ein warnendes Beispiel für die Folgen von Versäumnissen. Im Cyberspace hatte der deutsche Turf in den neunziger Jahren völlig den Anschluss verloren und den Rückstand bis heute nicht aufgeholt.